Caritaspreis 2021
Preisträgerin
Ingrid Maria Bolliger
Vita
Ingrid Bolliger (Jahrgang 1970) begann ihre berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung im diplomatischen Dienst in Deutschland. Danach studierte sie Volkswirtschaftslehre und war mehrere Jahre in verschiedenen Großbanken in Deutschland und der Schweiz tätig. Mit 45 Jahren entschied sie sich, ihrer inneren Berufung zu folgen, und absolvierte ein Masterstudium in Theologie. Heute arbeitet sie als Seelsorgerin in einer Pfarrei in Winterthur (Schweiz) – ein Beruf, der ihr sehr am Herzen liegt.
Wie können Seelsorgende Trauernde trösten?
Kurzvorstellung der Arbeit
Wie können Seelsorgende Trauernde trösten? Auf der Suche nach Antworten analysiert Ingrid Bolliger in ihrer Masterarbeit nicht nur theoretische Ansätze aus Psychologie und Pastoraltheologie, sondern erhebt mit einer empirischen Einzelfallstudie auch die subjektive Erfahrung.
Dabei zeigt sich, dass Trauer durch eine Vielzahl verschiedenster Belastungen und Verlust-Erfahrungen ausgelöst werden kann. Dazu gehört auch die „tertiäre Trauer“, welche durch Verletzung/Enttäuschung durch Personen, die von Berufs wegen mit Trauernden zu tun haben, verursacht werden kann.
Trauer kann sich intrapersonal auf verschiedenen Ebenen auswirken (psychisch, sozial, spirituell, emotional). Trauer hat aber auch eine interpersonale/systemische Dimension.
Positiv wirkende Faktoren können u.a. eine bleibende Bindung zur verstorbenen Person („Continuing Bonds“) und ein Oszillieren zwischen verlust- und wiederherstellungsorientiertem Verhalten („Pausen vom Trauern“) sein. Dagegen wirkt sich u.a. die Störung oder der Verlust von Beziehungen negativ aus. Glaube und Kirche können positiv (Glaube an ein Leben nach dem Tod, an einen helfenden Gott, Beerdigung als situationsgerechtes Ritual) als auch negativ (unzureichende Berücksichtigung der Bedürfnisse und Wünsche der Trauernden, fehlende diakonische Unterstützung) erfahren werden.
Aus diesen Erkenntnissen werden konkrete Impulse für die Trauerpastoral abgeleitet: Seelsorge soll individuell, ganzheitlich und sensibel gestaltet sein, auch mit Blick auf praktische Hilfe, spirituelle Begleitung und neue Formate wie Trauerseminare.
Die Arbeit plädiert für eine differenzierte und praxisorientierte Seelsorge, die Trauernde umfassend unterstützt.
Laudatio
Frau Ingrid Maria Bolliger erstellte unter der Betreuung von Prof. Stephani Klein ihre Untersuchung: „Trauer in der Seelsorge. Eine qualitativ-empirische Einzelfallstudie zu Trauererfahrungen“. Sie wurde von der Theologischen Fakultät der Universität Luzern (Schweiz) als Masterarbeit angenommen.
Die Arbeit gliedert sich hauptsächlich in zwei große Teile: nach einer einführenden „Annäherung an das Phänomen Trauer“ werden zunächst in einem „theoretischen Teil“ Analysen zum gesellschaftlichen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer (3.1), der Stand der psychologischen Trauerforschung (3.2) sowie der Stand der pastoraltheologischen Trauerforschung (3.3) präsentiert. Der zweite Teil besteht in einer qualitativ-empirischen Einzelfallstudie, in der anhand eines Fallbeispiels die Tragfähigkeit bzw. auch Begrenztheit der im ersten Teil dargestellten theoretischen Konzepte für die pastorale Praxis in Trauersituationen aufgezeigt wird.
Die Ausführungen von Frau Bolliger bestechen dadurch, dass sie insbesondere die aus unterschiedlichen Fachdisziplinen stammenden Theoriekonzepte zur Trauerarbeit in einer überzeugenden Systematik darstellt und diskutiert. Dabei verbleibt sie nicht, wie in der kirchlich-pastoralen Anleitungsliteratur noch vielfach üblich, bei der Rekapitulation überkommener, aber eben auch überholter Phasenmodelle, sondern rezipiert die Theoriekonzepte auf einem beeindruckend aktuellen Stand. In innovativer Weise führt sie auch Ansätze in die pastoraltheologische Theoriebildung ein, die dort bislang noch wenig Beachtung erfahren haben.
Frau Bolliger leistet damit ein Dreifaches: Sie ruft die pastorale Begleitung trauernder Menschen an sich als eine wichtige pastorale Aufgabe der Kirche in Erinnerung. Sie nimmt speziell die pastoralen Berufe in die Pflicht, die Begleitung Trauernder als ihre genuine Aufgabe zu begreifen – und steuert damit dem höchst bedenklichen Trend der letzten Jahre entgegen, dass im Zuge der Selbstbeschäftigung der Kirche mit ihren Strukturneubildungen derartige Praxisfelder vernachlässigt werden. Und drittens macht sie deutlich, dass die Caritas der Kirche nicht nur in den institutionalisierten Hilfeangeboten der Caritasverbände, sondern eben auch in solchen Hilfeformen anderer kirchlicher Sozialformen und Pastoralfelder besteht.
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