Caritaspreis 2021

Preisträgerin

Dr. Anna Karger-Kroll

Anna Karger-Kroll

Vita

Dr. Anna Karger-Kroll
seit April 2019 Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Fachvertretung für Theologische Ethik am Lehrstuhl für Systematische Theologie am Seminar für Katholische Theologie an der Universität Siegen

Verteilungsprinzipien der
gesetzlichen Rentenversicherung
angesichts der Pluralisierung
der Lebens- und Erwerbsformen

 Die Herausforderung des strukturellen Konservatismus des
deutschen Rentenversicherungssystems
angesichts gesellschaftlicher und sozialer Entwicklungen

Kurzvorstellung der Arbeit

In ihrer Dissertation setzt sich Dr. Anna Karger-Kroll mit den Verteilungsprinzipien der gesetzlichen Rentenversicherung angesichts der Pluralisierung der Lebens- und Erwerbsformen auseinander und entwickelt aus christlich-sozialethischer Perspektive einen Maßstab , der es erlaubt, mögliche Ungleichheiten normativ beurteilen zu können. Konkret liegt ihrer Dissertation die Beobachtung zugrunde, dass der strukturelle Konservatismus des deutschen Rentenversicherungssystems angesichts gesellschaftlicher und sozialer Entwicklungen zur Herausforderung wird. Dies lässt sich insbesondere an der Orientierung an den Normvorstellungen des Normalerwerbsverhältnisses angesichts zunehmender atypischer Beschäftigungsformen sowie an der Normvorstellung der sogenannten Normalfamilie angesichts einer Vielzahl an Partnerschaft- und Familienformen festmachen. Sofern eine in der gRV versicherte Person diesen Normvorstellungen nicht entspricht, muss sie von Sicherungslücken und unzureichenden Rentenansprüchen ausgehen. Ausgehend von dieser empirisch-sozialwissenschaftlichen Problemanalyse, mit deren Hilfe sie schließlich deskriptiv Unstimmigkeiten und Ungleichheiten im deutschen Rentenversicherungssystem identifiziert, ist sie der Frage nachgegangen, inwiefern eine Gleich- beziehungsweise Ungleichbehandlung unterschiedlicher Erwerbs- und Lebensformen zu Ungleichheiten führt, die zugleich als ungerecht zu werten sind. Hierfür hat sie aus christlich-sozialethischer Perpsektive einen normativen Maßstab entwickelt, der es nicht nur ermöglicht, solch bestehenden Diskrepanzen zu beurteilen, sondern auch Verteilungsprozesse zu fordern, die ein Mehr an Gerechtigkeit ermöglichen. Hierbei wurde berücksichtigt, dass es angesichts der in der Problemanalyse dargestellten Diskrepanzen notwendig ist, eine Gerechtigkeitstheorie zu entwickeln, die die Lebenswirklichkeiten der Menschen in den Blick nimmt und die sozialen Gegebenheiten differenziert wahrnimmt, um diese angemessen berücksichtigen zu können.
Insgesamt hebt die Arbeit die Relevanz einer christlich-sozialethischen Position für den hiesigen Gerechtigkeitsdiskurs hervor.

Laudatio

Frau Dr. Anna Karger-Kroll erstellte unter der Betreuung von Prof. Christof Mandry die Untersuchung: „Lebensrealität und Rente. Die Verteilungsprinzipien der gesetzlichen Rentenversicherung angesichts der Pluralisierung der Erwerbs- und Lebensformen. Eine sozialethische Untersuchung“. Sie wurde von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt als Dissertation angenommen.

Im Fokus der Arbeit von Frau Dr. Karger-Kroll steht der Versuch einer normativen Rekonstruktion der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland. Damit greift sie ein sozialethisches Thema auf, dem ohne jeden Zweifel hohe Aktualität eignet, da die Absicherung im Alter nicht nur aufgrund der demographischen Entwicklung eine immer größere Herausforderung darstellt. „Sind die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen gerecht?“ – so lautet die leitende Fragestellung der Untersuchung. Ihre Intention ist es, mit Hilfe der christlichen Sozialethik einen normativen Maßstab zu entwickeln, der kritisch an die bestehenden Regelungen angelegt wird. 

Das Bemühen um eine solche normative Rekonstruktion ist aus sozialethischer Sicht nicht zuletzt deshalb verdienstvoll, weil dabei die reale Regelungspraxis nicht mit abstrakten, rein theoretisch entwickelten Normen konfrontiert wird, sondern weil anhand der Gerechtigkeitsfrage die Realität der heutigen Erwerbs- und Lebensformen selbst als Maßstab der Kritik der geltenden rechtlichen Bestimmungen fungiert. Es zeugt von wissenschaftlichem Mut, sich einem solchen durch technische Details gekennzeichneten und hochkomplexen Regelungsbereich zuzuwenden.

Frau Dr. Karger-Kroll gelingt es dabei, auch eine unbedarfte Leserschaft in die komplexe Materie der gesetzlichen Rentenversicherung einzuführen und auf die normativen Probleme aufmerksam zu machen. Die Arbeit überzeugt durch ihre konsequente Orientierung an den Problemen der Rentenversicherung und ihre hohe sozialpolitische Bedeutung. Damit leistet sie etwas, was derzeit leider allzu sehr aus dem Blick gerät: dass nämlich Theologie und Kirche sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen dürfen, sondern Mitverantwortung für die Gestaltung unseres Gemeinwesens übernehmen müssen.

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